Für alle, die die Sendung nicht
hören konnten, hier der Wortlaut:
Moderatorin:
In der zweiten Stunde "Notizbuch" rufen wir auf zum
Konsum. Aber nicht zum Massenkonsum, um die Wirtschaft zu
retten, sondern um den wahren Wert der Dinge wiederzuerkennen,
und um uns selbst etwas Gutes zu tun.
Es muß ja nicht gleich ein komplettes Auto sein. Aber ein wenig
sollten wir unsere Wirtschaft in diesen schweren Zeiten schon
unterstützen. Wo es zusätzlich auch noch ein Genuß ist, Geld
auszugeben, das erfahren Sie gleich…
Moment mal, war da was? Wer sich letztes Wochende durch das
Gedränge in bayerischen Fußgängerzonen geschoben hat, der hat
von der immer noch andauernden Krise und angeblicher Kaufunlust
der Konsumenten jedenfalls nichts gemerkt.
"Gut so!", jubelt der Einzelhandel. "Jetzt bloß
nicht nachlassen!", beten die Politiker,
während die Verbraucherschützer warnen "nur wer Geld hat,
sollte es auch ausgeben".
Und dann nur für etwas, was es auch wirklich wert ist, möchten
wir an dieser Stelle noch ergänzen.
Und nur an einem Ort, an
dem allein schon der Kaufprozeß an sich zum Erlebnis wird.
Und
wo sollte das besser gelingen als in einem wohnzimmergroßen
Laden mitten in München, wo es Emotionen sozusagen auf
Silberscheiben zu kaufen gibt.
Gerhard Rühl (GR):
Es war halt früher ein Plattenladen, das Wort Plattenladen ist
auch viel schöner als das Wort CD-Shop, und um diesen Plattenladen herum hat sich in den
siebziger Jahren so ein szeneabhängiges Sortiment rausgebildet.
Klaus Schneider, BR (KS):
Das SHIROKKO ist gemeint, ein Plattenladen mitten in München.
Gegründet hat ihn die Mutter von Gerhard Rühl vor 39 Jahren.
Damals hießen Plattenläden eigentlich eher
"LP-Wiege" oder "Plattenkiste". Das SHIROKKO
existiert immer noch, quasi ums Eck vom berühmten Hofbräuhaus.
Wenn Gerhard Rühl von seinem Laden redet, dann…tja…wie soll
man das beschreiben?
Dann kommen Emotionen hoch. Es scheint nicht Stolz zu sein, der
aus ihm spricht, sondern einfach eine tiefe Verbundenheit mit
dem was er tut, nämlich Musik unter die Leute bringen.
GR:
Musik transportiert Gefühle, und Gefühle sind auch
tageszeiten- und jahreszeitenabhängig und jeder Kunde verlangt
andere Ansprüche an die Musik und da muß man halt versuchen
durch die Kommunikation mit dem Kunden 'rauszufinden, was er
gerne hört. Momentan. Das kann morgen schon wieder was ganz andres sein.
KS:
Das ist im SHIROKKO keine "Masche", kein
Verkaufstrick, sondern eine Philosophie.
GR:
Wir empfinden uns eher als Feinkostgeschäft. Wir sind kein
Supermarkt, wir sind kein Großmarkt, wir sind auch kein Laden
in dem ununterbrochen die Kasse klingelt sondern wir sind ein Laden, der sich Zeit nimmt für die Kunden, der
versucht die Bedürfnisse und die momentanen Befindlichkeiten der Kunden im Gespräch
auszuloten und zu versuchen, auf eine gemeinsame Ebene zu
kommen. Und dann ergibt sich natürlich, eventuell, auch der
Kauf einer CD. Aber es ist nicht unsere Priorität, sofort jedem
Kunden etwas verkaufen zu müssen, nur weil er den Laden
betritt.
KS:
Die Kunden wissen den persönlichen Kontakt zu schätzen, den
sie hier erleben.
Kunde:
Die Seele des Ladens ist einfach toll. Und genial ist einfach:
hier wird man bedient, hier wird man beraten,
hier gibt's ausgesuchte Musik, die gibt's
nicht überall. Es ist mittlerweile soweit, daß ich mir Musik gar nicht mehr
anhöre sondern einfach das nehme, was Herr Rühl empfiehlt, und
das ist immer gut, das paßt auch immer.
Darüber hinaus ist es hier bequem, angenehm, ich schätze
diesen Laden einfach.
KS:
Schlicht ist der Laden gehalten, auch wenn die Wände lila
gestrichen sind.
In der Ecke ein Farn, davor ein Bistrotisch mit Stühlen.
Blumen. Einladend wie ein Wohnzimmer. Gleich rechts neben dem
Eingang eine lange Sitzbank mit gemütlichen Kissen. Darüber hängen Kopfhörer, zum Reinhören in die
vielen CDs. Fast könnte man meinen, in das Sortiment kommen nur
solche mit einem besonders schönen Cover, denn die kleinen Tonträger wirken wie Kunstwerke in den
Regalen.
Alles sehr individuell, wie eine Kundin findet.
Kundin:
Offensichtlich auch abgestimmt so ein bißchen auf Stammkunden
und Kunden die öfter kommen und irgendwie sich inspirieren
lassen. Also ich denke so in die großen Läden geht man doch
eher und weiß genau was man will und das kauft man auch dann.
Hier ist es so ein bißchen Inspiration auch von Covern, ja, schon was
Anderes.
KS:
Der klassische Kunde im SHIROKKO, so erklärt mir Gerhard Rühl,
ist der, der im Leben viele Prioritäten hat. Der beruflich
eingespannt ist, sich um Karriere, um Kinder und um seine
Finanzen kümmern muß. Kurz: der früher gerne Musik gehört
hat aber jetzt keine Zeit mehr hat um sich damit intensiv zu
beschäftigen.
GR:
Nur: die Lust an der Musik ist ihm ja nicht verlorengegangen –
und die Lust wollen wir ihm wieder vermitteln.
KS:
Das heißt, Sie nehmen damit auch ein Stück Arbeit ab, indem
Sie sich für Ihre Kunden mit der Musik beschäftigen und die Perlen rauspicken und die
dann weiter vorselektieren?
GR:
Ja, natürlich. Wer hat schon noch die Zeit, sich zwei Stunden
in einem Großmarkt in einer ewig gleich aussehenden
Plattenabteilung durchzukämpfen. Er findet ja nicht das, was er sucht.
Wir bieten ihm schon eine kleine Vorauswahl und sagen ihm: das
mußt du hören und das mußt du nicht unbedingt hören.
….
Es folgen Hinweise auf die CDs
"Bugge Wesseltoft: It's Snowing On My Piano"
(21.11.)
und auf den Konzertmitschnitt "Acordes con Leonard
Cohen" (30.12.).